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Interview mit Dr. Ernst-Olav Ruhle, SBR-net Consulting AG

By 13. Dezember 2017Januar 3rd, 2018Interview

Dr. rer. pol. Ernst-Olav Ruhle arbeitete in der Vergangenheit bereits für das Wissenschaftlichen Institut für Kommunikationsdienste (“WIK”), Bad Honnef, bei RWE Telliance in Essen im Bereich Strategie und Regulierung sowie als Bereichsleiter Regulierung und Prokurist der Telekom Austria AG in Wien, wo er den regulatorischen Bereich aufbaute und alle wichtigen regulatorischen Verfahren verantwortete. Später war Dr. Ruhle Direktor für Interconnection, Roaming und Regulatory Affairs bei 3G Mobile Telecommunications GmbH, Wien, der österreichischen UMTS-Tochter von Telefónica.

Seit dem 01.03.2004 ist er Vorstand der SBR-net Consulting AG . Dr. Ruhle hat einen starken Fokus auf Regulierung, Vorleistungseinkauf, Vertragsverhandlungen und Vertragsgestaltung in Zusammenhang mit Netzleistungen sowie Breitbandstrategien.

 

Frage 1:

Aus ihrer umfangreichen Beratungspraxis heraus können Sie nicht nur beurteilen wie Deutschland sich beim Gigabit-Ausbau schlägt, sondern auch was unsere Nachbarn wie Österreich und die Schweiz diesbezüglich unternehmen. Wie bewerten sie die Strategien der jeweiligen Länder?

Ruhle:

Deutschland und Österreich tun sich beim Gigabit-Ausbau schwer, das hat eine Reihe von Gründen, unter anderem die zum Teil auch politisch-regulatorisch unterstützte Strategie des Incumbents in Bezug auf den Ausbau von Breitbandnetzen auf der Basis von Vectoring, aber natürlich auch die geringe Zahlungsbereitschaft auf der Nachfrageseite. Die in beiden Ländern noch bestehende Beteiligung des Staates an den jeweiligen Telekom-Altsassen trägt auch dazu bei, dass der Ausbau nicht entsprechend vorankommt. In beiden Ländern gibt es zum Teil nationale zum Teil regionale Initiativen, die aber noch nicht ausreichend an Schwung gewonnen haben. Die Schweiz unterscheidet sich dort grundsätzlich, insbesondere aufgrund der vielen regionalen Ausbauaktivitäten auf der Basis von Versorgungsnetzen, aber auch auf Grund der starken Nachfrage und auch der Zahlungsbereitschaft der Endkunden.

 

Frage 2:

Der Ausbau mit Glasfaseranschlüssen ist ein Mammutprojekt, das uns in Deutschland noch viele Jahre beschäftigen wird. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Kooperationen im TK-Markt hinsichtlich der Beschleunigung des Glasfaserausbaus ein?

Ruhle:

Die früher bestehende vertikale Integration, bei dem ein Unternehmen die Netze errichtet, betrieben und dann auch die Dienste angeboten hat ist endgültig vorbei. Die horizontale Aufteilung der Wertschöpfungskette bedeutet Marktzutritte auf allen Ebenen durch unterschiedliche Player, die sich auf ihre Stärken berufen können, wie langfristige Finanzierung, optimierter Betrieb und attraktives Dienstangebot. Dies macht es auch erforderlich, dass die verschiedenen Player, die auf den Wertschöpfungsstufen aktiv sind miteinander kooperieren und in einen Leistungsaustausch miteinander treten. Dadurch sind bereits jetzt viele neue Geschäftsmodelle und Marktzutrittsmöglichkeiten entstanden. Sie brauchen aber auch die entsprechenden Skalenvorteile, um nachhaltig wirtschaftlich zu sein.

 

Frage 3:

Werden ähnliche Ansätze im Ausland verfolgt?

Ruhle:

Die Länder in Europa gehen zum Teil sehr unterschiedliche Wege. Diese Wege und Strategien sind unter anderem dadurch geprägt, ob es eine gesunde Struktur auf der Wettbewerbsseite gibt, die es alternativen Anbietern ermöglicht, entsprechende Marktanteile zu gewinnen, sie ist aber auch geprägt durch das Verständnis der Rolle der öffentlichen Hand beim Ausbau von Breitband-Netzen und dem Engagement des EVU-Sektors. Vor diesem Hintergrund gibt es Ansätze in ähnlicher Form, allerdings zeichnet sich der deutsche Markt dadurch aus, dass Aufgrund der sehr diversifizierte Struktur des Energiesektors und des Engagements der Kommunen und kommunaler Unternehmen eine besonders hohe Vielfalt an Akteuren am Markt besteht.

 

Frage 4:

Open Access und Kooperationen sind offensichtlich zentrale Bausteine für den erfolgreichen Gigabit-Ausbau. Welche Bedeutung messen sie den Schnittstellen SPRI und WBCI bei, denen sich der Arbeitskreis Schnittstellen und Prozesse widmet? Gibt es hier vergleichbare Bemühungen in anderen Ländern, in denen sie beraten?

Ruhle:

Die Implementierung von Schnittstellen und Plattformen, über die auf standardisierte und automatisierte Art und Weise Leistungsbeziehungen gestaltet werden können, ist eine sinnvolle Vorgehensweise, nicht nur um den Ausbau zu beschleunigen, sondern auch um die ausgebauten Netze schneller zu befüllen. Daher ist es begrüßenswert, dass der Arbeitskreis sowie VATM und BUGLAS eine entsprechende Initiative unternommen haben, denn dies wird den zahlreichen lokalen Netzen helfen, auch inhaltliche Angebote zu den Endkunden zu bringen. Im Ausland sehen wir, dass ähnliche Ansätze verfolgt werden, allerdings erst nachdem man festgestellt hat, dass der Ausbau durch die öffentliche Hand alleine noch nicht zu größerer Nachfrage und größerer Abnahme entsprechender Breitbandanschlüsse führt. Eine Tendenz, die wir beobachten, ist daher die zunehmende Gründung von „Landesgesellschaften“, das heißt Unternehmen der öffentlichen Hand, die auf der Ebene von Bundesländern koordinieren Aktivitäten durchführen, was z.B. die Vermarktung der auf Gemeindeebene gebauten Netze angeht, aber auch Aktivitäten wie Entstörung, Dokumentation, Inspektion sowie Unterstützung und Hilfestellung bei Förderanträgen. Auch diese Initiativen sind sehr sinnvoll, um zu einer gesamtwirtschaftlichen Verbesserung der Breitbandversorgung und entsprechendem Wirtschaftswachstum zu führen.

 

 


Hintergrund: Wer oder was ist SBR-net Consulting AG?

SBR-net Consulting AG ist ein Beratungsunternehmen mit Sitz in Düsseldorf und einer Niederlassung in Wien, das 2004 gegründet wurde. Mit 7 Mitarbeitern berät SBR-net Consulting AG intensiv Netzbetreiber aber auch die öffentliche Hand, unter anderem zu Breitbandthemen.

Die SBR-net Consulting AG hat sich zusammen mit SBR Rechtsanwälte auf die rechtliche, wirtschaftliche und technische Beratung von regulierten Netzwerkindustrien, besonders im Telekommunikationsbereich, spezialisiert. Durch den besonderen integrierten Ansatz der Kombination von breiten ökonomischen und technischen Fachkenntnissen der Unternehmensberater und fundiertem juristischen und verfahrensrelevanten Wissen der Rechtsanwälte konnten umfangreiche Erfahrungen gesammelt werden. Damit können insbesondere Beratungsleistungen für die Schwerpunkte Machbarkeitsstudien und Lösungsalternativen in den Bereichen Netzinfrastruktur, Breitband, Festnetz und Mobilfunk, Regulierung und Rechts-rahmen, Businessplanung für Telekommunikationsnetzwerke, Vergleichsmarktuntersuchungen sowie Bewertung finanzieller, administrativer und institutioneller Strukturen, aber auch eine praxisnahe Implementierung angeboten werden.

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